INTERVIEW | Strack-Zimmermann im Zeit-Streitgespräch zur Frage "Stecken wir zu viel Geld ins Militär?"
DIE ZEIT: Herr van Aken, die Regierung will bis 2030 über eine halbe Billion Euro für das Militär ausgeben. Sie sehen das kritisch, sollen wir uns unseren Gegnern wehrlos ausliefern
Jan van Aken: Nein! Wir müssen in der Lage sein, uns zu verteidigen. Aber bevor wir über Geld reden, sollten wir uns doch die Frage stellen: Was braucht man dafür? Wo hat die Bundeswehr mit Blick auf die Landesverteidigung Fähigkeitslücken? Wenn es diese gibt, dann sollten wir sie schließen. Ich möchte aber nicht, dass Europa neben den USA, China und Russland zu einer vierten Großmacht heranwächst, die am anderen Ende der Welt Kriege führen kann.
Marie-Agnes Strack-Zimmermann: Ich bin erst mal froh, dass Sie die Wiederherstellung der Verteidigungsfähigkeit nicht infrage stellen, Herr van Aken. Denn die Herausforderung ist doch, dass es enormen Nachholbedarf gibt. Europa hat nach dem Fall der Mauer seine Wehrfähigkeit abgebaut: Kasernen aufgelöst, Munition veräußert, Armeen verkleinert. Das war keine Abrüstung, das war ein Ausverkauf. Man glaubte wirklich, die Geschichte sei zu Ende, wie es Francis Fukuyama formuliert hat. Geschichte ist aber nie zu Ende, im Gegenteil: Wir haben es mit völlig neuen Bedrohungsszenarien zu tun, auf die wir uns einstellen müssen. Wir erleben Cyber- und hybride Angriffe, wie die Manipulation der Unterwasserinfrastruktur. Wir leben in einer Welt, in der zunehmend das Recht des Stärkeren zählt und Grenzen mit Gewalt verschoben werden. Darauf müssen wir reagieren.