Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann

"Wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann Düsseldorfs erste Oberbürgermeisterin werden will"

Handelsblatt

"Sie ist ein Phänomen, und sie weiß es. 'Der Name zu lang. Die Haare zu weiß. Das Mundwerk zu lose.' Mit diesen Worten charakterisiert Marie-Agnes Strack-Zimmermann nicht nur sich selbst, mit diesen Worten wirbt die 62-Jährige auf Plakaten und im Internet für sich. Sie will am Sonntag Oberbürgermeisterin von Düsseldorf werden. 

Und damit nicht genug. Hinzuzufügen wäre noch: 'Ihr Motorrad zu luftverschmutzend. Ihre Partei FDP zu klein. Ihr Geschlecht zu weiblich.' Es wären drei weitere gewichtige Gründe dafür, warum sie keine aussichtsreiche Kandidatin ist. Und doch oder genau deshalb will die Liberale es schaffen, die erste Oberbürgermeisterin ihrer Heimatstadt zu werden. 

Frauen treten bei Bürgermeisterwahlen bisher selten an. Entsprechend gering ist ihr Anteil in politischen Führungspositionen deutscher Stadtstaaten, Städte und Kommunen. Er liegt laut Gleichstellungsatlas der Bundesregierung bei elf Prozent. 

In Nordrhein-Westfalen gibt es derzeit mit Henriette Reker in Köln nur eine Oberbürgermeisterin. Doch 'Stratzi', so ihr Spitzname, will es in der Landeshauptstadt wissen: 'Ich würde nicht antreten, wenn ich nicht glauben würde, dass ich sowas gewinnen könnte.'

Das Oberbürgermeisteramt in Düsseldorf wäre die Krönung ihrer langen politischen Karriere. Strack-Zimmermann sitzt nicht nur seit vielen Jahren im Stadtrat von Düsseldorf, sondern seit 2017 auch für die FDP im Bundestag. Sie ist eine zierliche Person mit glatten, kurzen, grauen Haaren. Ihr Lieblingsoutfit sind Hose und Bluse und flache Halbschuhe. Sie ist mit dem 17 Jahre älteren ehemaligen Verlagsmanager Horst Strack-Zimmermann verheiratet. Von ihm hat sie auch ihren Doppelnamen. 

Ihr Mädchenname lautete Jahn. Sie ist Mutter von drei erwachsenen Kindern und hat zwei Enkelkinder. Im politischen Schlagabtausch ist sie gefürchtet. Sie formuliert schnell, klar und laut. Über sich selbst sagt sie: 'Ich bin auf die Welt gekommen, und der Lärm begann. Ich hatte große Brüder, ich bin sehr temperamentvoll. Und ich hatte große Vorbilder in meinen Eltern und Großmüttern. Eine meiner Großmütter ist unmittelbar nach dem Krieg in den Heidelberger Stadtrat gewählt worden.'

Inhaltlich breit aufgestellt

'Es ist keine Flucht aus Berlin. Sie ist hier in der Bundestagsfraktion der FDP und im Bundestag insgesamt hoch angesehen und sehr engagiert', sagt ihr Parteifreund und Bundestagsmitglied Thomas Sattelberger. 

'Persönlich zeichnet sie eine seltene Gabe für einen Politiker aus: Sie hat einen gesunden Humor. Sie kann über sich selbst lachen. Das macht sympathisch und hilft auch, Frustrationen zu verarbeiten, die im Laufe einer langen Politikkarriere zwangsläufig entstehen. Und inhaltlich ist sie breit aufgestellt: Sie ist eine Vertreterin von Recht und Gesetz und zugleich kreativ und frei genug, um Neues zu wagen. Als OB von Düsseldorf könnte sie diese Stärken ausspielen.'

In ihrem Wahlkampf in Düsseldorf, in dem sie sich vor allem für eine bessere Verkehrspolitik, Digitalisierung und mehr Bildung einsetzt, schreckt sie selbst nicht vor Guerilla-Aktionen zurück. So hat sie auf Sylt, rund 660 Kilometer von der heimischen Kö entfernt, unerlaubterweise plakatieren lassen. Der Slogan 'Hier weht frischer Wind. Zuhause bald auch.' brachte ihr viel Kritik, aber auch Sympathien ein. 

Sie erklärte die Aktion so: 'Man muss da hingehen, wo die Menschen sind. Viele Düsseldorferinnen und Düsseldorfer sind in der Urlaubszeit während Corona lieber im Heimaturlaub oder auf ihrer liebsten Nordseeinsel.'

Die Tücken des Lokalwahlkampfs hat sie aber auch schon zu Hause provoziert und zu spüren bekommen. So bekommt sie im Düsseldorfer Stadtteil Hamm schlechte Kritiken, als sie sich dafür einsetzt, dass dort die Nahversorgung besser ausgebaut wird. Sie sagt: Das wäre gut, um mal schnell ein Glas 'Nutella' kaufen zu können.

Auf Facebook geht es sofort rund. Nutzer fragen, ob sie wisse, wie viel Zucker und Palmöl in Nutella stecken würden. Und als es in die heiße, letzte Wahlkampfphase geht, verursacht einer ihrer Wahlkampfhelfer auf einer der Düsseldorfer Boulevards einen schweren Verkehrsunfall. 

Prominente Unterstützer

Strack-Zimmermann bringt das nicht ab vom Kurs. Im Handelsblatt-Podcast Mindshift erklärt sie: 'Ich bin Motorradfahrerin. Da heißt es immer: Guckst du scheiße, fährst du scheiße. Das heißt, man muss das Ziel im Auge haben, und das habe ich.' Und weiter: 'Das Leben ist kein Ponyhof. Da muss man sich durchsetzen.'

Den Rückhalt ihrer Partei und prominenter Unterstützer hat sie. 'MASZ ist gradlinig sowie meinungsstark und sie kennt keine Berührungsängste. Sie muss auch keine Rücksichten nehmen, da sie ihr ganzes Leben selbstständig gearbeitet hat. Ich finde es sehr beeindruckend, dass sie sich in ihrem Alter so engagiert und es jetzt noch einmal wissen will', sagt Tobias Bachmüller, geschäftsführender Gesellschafter des Süßwarenherstellers Katjes, der privat in Düsseldorf lebt und 'Stratzi' seit Jahren kennt. 

Und ihre Wahlaussichten? Ungewiss. Umfragen sehen sie bei knapp 20 Prozent, und damit deutlich hinter Amtsinhaber Thomas Geisel (SPD) und dem Kandidaten der CDU, Stephan Keller. Doch ihre Fans sehen sie vorn. Ziel ist es, in die Stichwahl zu kommen. Und dann ist alles möglich. Thomas Sattelberger, ihr Parteifreund aus dem Bundestags meint: 'Sie hat verdammt gute Chancen, die neue Oberbürgermeisterin von Düsseldorf zu werden – jedenfalls bei der Gemengelage: einem ungeliebten OB der SPD und einem unbekannten Kandidaten der CDU aus Köln.'"

Artikel von Tanja Kewes