Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann

„Selbstverständlich, dass wir jeden Menschen schützen müssen“

Rheinische Post

In dieser Zeit, in der wir einer sehr großen Herausforderung gegenüberstehen, müssen wir den Blick nach vorne richten. Es ist richtig, dass wir alle, die wir uns derzeit in unsere Wohnungen haben zurückziehen müssen, dringend eine Perspektive brauchen. Jeder von uns sehnt sich nach dem Augenblick, dass dieser Pandemie-Albtraum beendet sein wird. Wir sollten daher tatsächlich eine Strategie entwickeln, wie wir die aktuellen Beschränkungen unserer Grundfreiheiten wieder aufheben können.

 Vorstellbar ist, dass wir diese Maßnahmen Stück für Stück aufheben und sehen, wie sich die Zahlen der Neuinfektionen entwickeln. Wir können beispielsweise damit beginnen, dass Schüler nach den Osterferien wieder in die Schule gehen können, vielleicht nur manche Jahrgänge, vielleicht auch alle. Auch in anderen Bereichen kann man über Lockerungen in ein paar Wochen nachdenken.

Diese Handlungsoptionen haben wir aber nur unter einer Bedingung: Dass wir alle jetzt zu Hause bleiben, das öffentliche Leben, soweit es geht, ruhen lassen und uns zurücknehmen. Ich halte es daher für brandgefährlich, dass der Oberbürgermeister in dieser Situation all diese Maßnahmen, die unser aller Gesundheit schützen sollen, infrage stellt.

Wie soll man von den Bürgerinnen und Bürgern Disziplin verlangen, wenn das Stadtoberhaupt eine Pandemie, wie wir sie zu unseren Lebzeiten noch nie erlebt haben, relativiert. Die ganze Gesellschaft reißt sich gerade zusammen. Die Menschen in den Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen arbeiten bis an ihre Belastungsgrenze und darüber hinaus. Auch diesen Mitmenschen müssen wir eine Perspektive und die Möglichkeit geben, diese Pandemie zu bewältigen.

Das geht aber nicht, wenn wir die Gefahr, sich anzustecken und damit auch andere zu gefährden, einfach heranrollen lassen. Selbst der britische Premierminister ist inzwischen von einer Durchseuchungsstrategie, wie der Oberbürgermeister sie vorschlägt, abgerückt. Denn sie würde Menschenleben kosten, viele Menschenleben. 

Für mich ist selbstverständlich, dass wir jeden Menschen schützen müssen. Ob jemand 25 oder 75 Jahre alt ist, gesund oder krank, ist dabei irrelevant. Wir sehen in Italien, dass dort Ärzte entscheiden müssen, welchen Patienten sie behandeln und welchen sie sterben lassen müssen. Ich will nicht, dass irgendein Arzt in Deutschland beziehungsweise in Düsseldorf in die Situation kommt, vor einer solchen Entscheidung stehen zu müssen.

Selbst wenn es gelingen sollte, alle Menschen der Risikogruppe zu identifizieren, können wir die Betroffenen nicht über Monate isolieren. Das wäre unmenschlich! Zudem zeigen Fälle in anderen Ländern, dass auch jüngere Menschen ohne Vorerkrankung vor einem schweren Verlauf der Krankheit nicht geschützt sind. Der Wert eines Menschen errechnet sich nicht nach ökonomischen Maßstäben, sondern nach unserem humanistischen, ja christlichen Wertekanon. Gerade Letzteres sollte uns in diesen schweren Zeiten einen.